Toggle Navigation

Grabstein: Setzung am Nürnberger Westfriedhof

Der über eine Tonne schwere Vånga blitzt in der frühen Morgensonne auf, als zwei Steinmetze den Grabstein den Gehsteig entlangschieben. Mit vollem Körpereinsatz ziehen sie den Handwagen mit dem rot-schwarzen Koloss direkt an den Mauern des Nürnberger Westfriedhofs vorbei. Gemeinsam schieben sie den Grabstein durch eines der drei Eingangstore aus Sandstein.

„Der Staub zum Staube“ und „Der Geist zu Gott“ steht in geschwungenen Buchstaben auf den Toren. Darüber ein großes Kreuz. Hier betreten Angehörige die Ruhestätte ihrer Familie und Freunde, die beiden Handwerker jedoch ihren Arbeitsplatz: Melanie, seit zwei Monaten Steinmetz-Lehrling, und Rolf, der schon fast 20 Jahre in dem kleinen Steinmetzbetrieb, Natur- und Grabsteine Krenz, arbeitet. Heute sind sie auf dem Friedhof zu einer typischen Sommeraufgabe unterwegs: der Grabsteinsetzung.

„Am Anfang hatte ich etwas Angst davor, hier täglich
unterwegs zu sein. Doch es ist einfach ein ganz anderes Gefühl
als Handwerker herzukommen“, sagt Melanie, während sie
zwei Gurte unter die Enden des Grabsteines legt. Die Schlaufen
am Ende hängt sie in die Haken ein, die unten am Autokran
hängen. Dazwischen klemmt sie ein Stück Holz, damit sich die
Gurte nicht zusammen ziehen. Rolf steht an den Schalthebeln
des hydraulischen Autokrans. „Durch den Öldruck kann ich
den Kran in alle Richtungen bewegen.“ Er schwenkt den roten
Stein langsam vom Handwagen auf die Ladefläche des Lasters
und platziert ihn in der Mitte.

Ein großer grüner Park – ein spannender Arbeitsplatz

Mit dem vollbeladenen Laster geht es dann in
Schrittgeschwindigkeit über den Friedhof. Plötzlich sind vor
uns ein paar Leute. „Das ist eine Beisetzungsfeier“, sagt Rolf
mit geübtem Blick und biegt in eine Seitengasse ein. Mit
Rücksicht auf die Angehörigen nehmen die beiden Handwerker
einen anderen Weg.
Die Stille umfängt die beiden Steinmetze wieder, als sie am
Grab ankommen und Rolf den Motor ausschaltet. Außer dem
Vogelzwitschern ist es jetzt ganz still. In der Ferne hört man
eine Motorsäge und die große Straße, die direkt am Friedhof
vorbei führt. Die beiden Handwerker laufen durch das hohe,
noch nasse Gras und begutachten die Nummern der Gräber.
Bei einem Grab mit zwei Holzkreuzen und verwelkten
Blumentöpfen bleibt Rolf stehen. „Das muss es sein.“ Kritisch
beäugt er den Freiraum links daneben. Ein Meter fünfzig misst
er mit seinem Meterstab nach. Es ist nicht ganz klar, ob und
wie dieser Raum genutzt wird. „Da müssen wir wohl oder übel
noch einmal nachfragen.“
Der kleine Laster fährt den schmalen Weg wieder zurück. In
der, sauber und neu wirkenden, Verwaltung gibt ein netter Herr
im Anzug Auskunft. Der Freiraum ist eine Leerstelle. Hier wird
fürs Erste kein Grab ausgehoben. Rolf greift noch kurz in die
Schale mit den Bonbons, dann geht es zurück zu den zwei
Holzkreuzen und den verwelkten Blumen.

Teamarbeit, Hand in Hand
Jetzt merkt man es Melanie und Rolf an: Sie sind ein
eingespieltes Team. Während Melanie die Kreuze und Blumen
entfernt, holt Rolf den Stampfer um die Erde zu verdichten.
Das müsse man machen, sonst gäbe der Boden schon nach
wenigen Jahren nach, sagt er und zieht die Zündschnur des
Stampfers.
Bei alten Friedhöfen würde man häufig Löcher im Erdreich
sehen, denn dort sind solche Verdichtungsmaschinen auf Grund
der Bodenbeschaffenheit und des historisch wertvollen
Geländes meistens verboten. „Zum Glück dürfen wir den
Stampfer hier verwenden, sonst sind wir nur noch mit Löcher
auffüllen beschäftigt“ sagt Melanie und lacht.
Kurz darauf vibriert der ganze Boden. Das ratternde Geräusch
des Stampfers überdeckt alle anderen Geräusche. Ein 20
Zentimeter tiefes Loch ist entstanden. Deswegen fahren die
beiden Handwerker zum friedhofseigenen Kompostplatz, um
Sand zu holen. Der Sand wird wieder mit dem Stampfer
verdichtet.

DSCN3190
Ein Liegestein wird gesetzt – mit altbewährter Technik

Dann schließt sich ein besonderer technischer Clou an: Der
Portalkran, ein transportabler Kran. Melanie orientiert sich am
Nachbargrab und misst zuerst die Mitte des noch leeren Grabes
aus. Dann stellen die Handwerker die beiden Standfüße des
Krans parallel und um ein paar Meter versetzt, auf. Mit einer
stabilen Stange verbinden sie diese. Nun stemmen Melanie und
Rolf die Seiten hoch.
Der Kran ragt jetzt über zwei Meter in die Höhe. Rolf bringt
oben auf der Schiene noch die Laufachse und den Flaschenzug
an. „Wenn ich mit meiner anderen Kollegin zusammen den
Portalkran aufstelle, dann hängen wir bereits vor dem
Hochstemmen die Laufachse und den Flaschenzug an. So groß
sind wir dann doch nicht.“, erzählt Melanie mit einem
Augenzwinkern.
An zwei zueinander schräg gegenüber liegenden Ecken der
Steinplatte hängt sie nun die Gurte ein und befestigt die Enden
an den Flaschenzughaken. Durch den Flaschenzug muss Rolf
weniger Kraft aufbringen, als er den Grabstein vom
Handwagen aus nach oben zieht. Dafür muss er mehr Weg
ziehen, um die Platte mit dem Gewicht eines Kleinwagens zu
heben.

DSCN3205
Die Kette rasselt, als Rolf den roten Grabstein immer weiter in
die Höhe zieht. Zusammen schieben Melanie und Rolf den
Stein über das Grab und lassen den rot-schwarzen Vånga an der
vorgesehenen Position ab. Rolf prüft mit der Wasserwaage, ob
der Stein waagrecht liegt. Es passt alles.
So schnell wie die beiden Handwerker den Portalkran
aufgestellt haben, ist er auch wieder abgebaut. Melanie
schaufelt noch ein bisschen Erde an die Seiten des Grabsteins,
damit er auch optisch ansprechend ausschaut. Zum Schluss
kehrt sie noch den Grabstein ab und stellt auch die verwelkten
Blumen wieder zurück. „Wir wissen ja nicht was der Kunde
damit machen möchte“.
Kurze Zeit später steigen Melanie und Rolf wieder in den
kleinen Laster ein. Unter den Bäumen rollen die Steinmetze
fort, weiter zum nächsten Projekt. Spuren haben sie keine
hinterlassen. Nur der Vånga blitzt rot-schwarz in der Sonne auf.

DSCN3208

Informationen: Naturstein & Grabmale G. Krenz

Über den Autor

Kommentiere