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Zwischen Gesellschaft und Innovation: Wolfgang Kerler über 1E9

Mit 1E9 hat Wolfgang Kerler ein Medium mitgegründet, das Technologie und Zukunft bewusst konstruktiv betrachtet. Statt vor allem Krisen und Skandale zu thematisieren, setzt 1E9 auf einen chancenorientierten Journalismus. Im Interview erklärt Kerler, warum technologische Entwicklungen immer auch gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen und deshalb ganzheitlich betrachtet werden müssen. Dabei gehe es nicht um naiven Fortschrittsglauben, sondern um einen offenen und kritischen Blick auf Innovationen. Eine wichtige Rolle spielen zudem die Veranstaltungen von 1E9, die den Austausch zwischen Redaktion, Fachleuten und Interessierten fördern.

Wie würden Sie die Grundidee hinter 1E9 beschreiben und welche Lücke wollten Sie damit im Medienbereich schließen?

Inhaltlich war unsere Grundidee, ein Medium zu starten, das optimistisch auf Innovation blickt und nicht nur – wie es in Deutschland oft üblich ist – Technologie negativ zu betrachten. Die Idee war also, konstruktiven und lösungsorientierten Journalismus zu machen, bei dem nicht nur über Defizite und Probleme berichtet wird. Sondern sich optimistisch, aber nicht naiv mit neuen Technologien in ihrer ganzen Bandbreite auseinanderzusetzen. Von wissenschaftlichen Durchbrüchen über Startups, bis hin zu Kunst, Kultur und natürlich auch den gesellschaftlichen Auswirkungen. Gerade bei Zukunftsängsten kann zukunftsorientierter Journalismus eine große Rolle spielen – indem er neue Bilder und vielleicht auch Ziele formuliert oder zumindest der Gesellschaft im Aushandlungsprozess hilft.

Was bedeutet 1E9 und warum passt der Titel so gut zu dem Ansatz, den Sie gerade eben schon beschrieben haben?

Das steht für 1 mal 10 hoch 9, also für die Zahl eine Milliarde. Wir haben diesen Namen gewählt, weil er einerseits ein mathematischer Ausdruck ist, der universell funktioniert und andererseits, weil es um Ideen geht, die großen Einfluss haben. Wenn du eine Milliarde Menschen erreichst oder wenn eine Innovation das Leben von einer Milliarde Menschen verbessert, dann ist das groß.

Bei 1E9 geht es oft weniger um Gadgets selbst als um die Frage, wie Technologie die Gesellschaft verändert. Warum ist Ihnen dieser Fokus so wichtig?

Weil Technologien, wenn man über die letzten Jahrzehnte zurückschaut, viele gesellschaftliche Umbrüche ausgelöst haben, von denen vorher gar niemand so genau wusste, was da auf uns zukommt. Dieser enorme Einfluss, den Technologie auf die Gesellschaft hat, der wird oft eher so beiläufig wahrgenommen. Wir wollen uns frühzeitig mit diesen gesellschaftlichen Fragen von Technologie auseinandersetzen. Die wenigsten Menschen betrachten Technologie bei ihrer Nutzung wirklich aus einer technischen Perspektive. Aus unserer Sicht ist daher die Frage viel spannender und relevanter, welche Veränderungen sich für unsere Gesellschaft ergeben.

Es entstehen ständig neue Technologien und Trends. Woran erkennen Sie genau, welche Entwicklungen wirklich gesellschaftlich relevant werden?

Wir haben keine hundertprozentige Trefferquote. Ein Patentrezept gibt es nicht, aber ich würde sagen, dass wir viele Themen frühzeitig identifizieren können, die sich später tatsächlich als vielversprechend herausstellen. Das funktioniert vor allem dadurch, dass wir selbst sehr viel in diesem Themenfeld unterwegs sind. Dazu kommt der Austausch mit Menschen, die neue Technologien und Innovationen entwickeln – aus Wissenschaft, Startups, Unternehmen, aber auch mit Investoren oder anderen Journalistinnen und Journalisten. Gerade Investoren sind interessant, weil sie sehr genau prüfen, in welche Technologien und Unternehmen sie Geld stecken. Wenn Millionen investiert werden, steckt dahinter meist eine intensive Analyse, ob daraus wirklich ein neuer Markt entstehen kann. Das kann ein guter Gradmesser sein. Oft wirken neue Technologien zunächst wie eine Enttäuschung, weil die großen Umwälzungen ausbleiben. Ein paar Jahre später merkt man dann, dass die Veränderungen einfach langsamer passiert sind. Am Ende ist es also eine Mischung aus vielem: selbst aktiv im Themenfeld sein, Gespräche führen und verschiedene Nachrichtenquellen beobachten. Man muss wirklich embedded in diesem Themenfeld und der Community sein, die es vorantreibt. Wenn man das lange macht, entwickelt man irgendwann auch ein Bauchgefühl dafür.

Welche Rolle spielt die Redaktionssitzung bei solchen Entscheidungen? 

Wir sind ja ein kleines Team. Gerade jetzt, wenn es um sowas wie künstliche Intelligenz geht, dann diskutieren wir natürlich sehr viel auch in der Redaktion, wie die Auswirkungen aussehen könnten. Dabei sind wir nicht immer derselben Meinung – man findet bei uns durchaus unterschiedliche Einschätzungen. Jeder Redakteur kann seine eigenen Akzente und Themen setzen. In der Hinsicht arbeiten wir sehr autonom. Aber ansonsten schauen wir einfach, dass jede Person ihre eigene Expertise und Interessen einbringt, damit wir unsere fachlichen Stärken optimal abbilden können.

Gibt es Debatten rund um die Digitalisierung oder KI, die in Deutschland Ihrer Meinung nach oft zu negativ geführt werden?

Ich finde, viele dieser Debatten werden zu pauschal geführt. Wir sind sehr schnell dabei, die großen Tech-Unternehmen und die Milliardäre, die sie führen, zu verteufeln. Alles, was von dort kommt, gilt erst mal als böses Teufelszeug. Das Problem ist: Dadurch werden wir von technologischen Entwicklungen überrascht, überholt und überrumpelt. Wir können uns dazu entscheiden, mitzugestalten oder an der Seitenlinie zu stehen und nur zu kritisieren. Dieses bloße Kritisieren ist mir in Deutschland ehrlich gesagt oft zu eindimensional. Kritisieren ist leicht, selber machen ist viel schwieriger. Da muss man differenzierter hinschauen. Im Bereich der digitalen Transformation ist keine Technologie nur gut oder schlecht. Es kommt immer drauf an, was man damit macht.

Viele Technologen sind extrem komplex. Wie schaffen Sie es, verständlich zu schreiben, ohne Inhalte zu stark zu vereinfachen?

Was natürlich wirklich Voraussetzung ist, dass man sich wirklich bemüht, ein Thema zu verstehen. Man muss der Sache auf den Grund gehen und sich gründlich damit beschäftigen. Die Expertinnen und Experten, für die das Thema das tägliche Brot ist, können das dementsprechend einfacher ausdrücken. Komplexe Zusammenhänge verständlich zu erklären, sie richtig einzuordnen und das Ganze dann auch noch so aufzubereiten, dass es interessant und nicht langweilig ist – das ist journalistisches Handwerk.

Unabhängiger Technikjournalismus steht heute unter großem Druck, wirtschaftlich, aber auch inhaltlich. Welche Herausforderungen erleben Sie dabei?

Mit Journalismus Geld zu verdienen, ist in den letzten Jahren sehr schwierig geworden. Die klassischen Geschäftsmodelle funktionieren nicht mehr, deshalb versuchen wir, neue Wege zu gehen: Einerseits setzen wir auf eine Community-Finanzierung durch Mitgliedsbeiträge, andererseits refinanzieren wir uns über Veranstaltungen. Immerhin gibt es uns schon seit sieben Jahren. Wir haben Corona und diverse andere Krisen bisher überstanden. Aber generell muss sich Journalismus sehr stark weiterentwickeln. Durch KI kommt noch eine neue Herausforderung dazu. Welche Art von Journalismus braucht es überhaupt noch? Da muss man sich als Medium neu erfinden. Wir glauben, dass wir mit unserem Community-Ansatz und dem Ansatz, Menschen auch physisch zusammenzubringen, auf einem ganz guten Weg sind.

Künstliche Intelligenz nimmt die Medienbranche immer massiver ein. Wie verändert AI ihre eigene journalistische Arbeit?

Man muss sich wahnsinnig viel inhaltlich damit beschäftigen. Für KI interessieren sich die Menschen aktuell am meisten im Bereich Technologie. Im Arbeitsalltag macht es uns vieles einfacher, man kann effizienter arbeiten. Wenn ich Interviews aufnehme, werden diese wahnsinnig schnell transkribiert. Es ist so, als hätte man permanent einen Redakteur oder eine Redakteurin an der Seite und das macht das Schreiben schon einfacher und schneller. Auch bei Recherchen setzen wir es ein, immer wissend um alle Schwächen. Das eröffnet uns neue Möglichkeiten, die wir früher als so kleines Team gar nicht gehabt hätten.

1E9 verbindet Technologie, Wissenschaft und Gesellschaft. Wen genau möchten Sie mit diesem Ansatz erreichen?

Am Anfang sind wir gestartet mit der Vorstellung, wir schaffen ein mediales Haus für Zukunftsoptimisten, also Leute, die optimistisch in die Zukunft schauen und Zukunft gestalten wollen. Das würde ich sagen, sind schon Grundmerkmale unserer Zielgruppe.

Dann noch eine letzte Frage: Neben den Magazinen spielen auch Festivals und Veranstaltungen eine große Rolle bei 1E9. Warum sind solche Formate für Sie wichtig?

Wir haben uns das Ziel genommen eine Community aufzubauen. Wenn man Menschen zusammenbringen, neue Verbindungen schaffen und an die eigene Marke binden will, dann übertrifft nichts diesen persönlichen Austausch. Uns geht es aber nicht nur darum, dass auf der Bühne schlaue Menschen schlaue Sachen sagen, sondern auch, dass sich Menschen untereinander austauschen und mit den Expertinnen und Experten vernetzen können.

Das Interview wurde von Karina Preiß, Anastasiia Ihnatenko und Anika Groneweg geführt.

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