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„Idealerweise liefern Tracker Informationen, für die ich selbst kein Gefühl habe”

Als Professor für Trainings- und Bewegungswissenschaft forscht Josef Wiemeyer an der TU Darmstadt zu den Themen Training und Gesundheit. In seiner Arbeit beschäftigte er sich mit multimedialem Learning, in jüngster Zeit interessieren ihn vor allem Serious Games, also Spiele, die neben Spaß auch einen Lern- und Trainingseffekt erzielen sollen. Insgesamt sieht er Tracking im Sport eher skeptisch, wichtig sei für ihn, dass die Parameter wichtige Informationen liefern können.

Ein Gastbeitrag von Philipp Ebnet

Wie motiviere ich mich für Sport?

Wir unterscheiden grundsätzlich zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Intrinsisch bedeutet, die Tätigkeit an sich macht mir so viel Spaß oder ich bin von der Sinnhaftigkeit überzeugt, dass ich sie einfach gern ausführe. Bei extrinsischer Motivation gibt es einen äußeren Anreiz, etwa Lob oder eine Belohnung. Es gibt verschiedene Ansätze, die Motivation untersuchen, eine davon ist die Self-Determination Theory. Demnach gibt es drei fundamentale menschliche Komponenten: Autonomie, Kompetenz und soziale Verbundenheit. Das beschreibt, zu welchem Grad das Verhalten selbstständig ausgeübt wird, wie gut wir die benötigten Fähigkeiten beherrschen und eben das soziale Element, also mit wem übe ich das aus und wie beeinflussen wir uns gegenseitig? Diese Faktoren spielen eine wichtige Rolle bei der intrinsischen Motivation.

Ob beim Krafttraining, Klettern oder Laufen – für nahezu jede Sportart gibt es mittlerweile Möglichkeiten, unterschiedlichste Parameter zu tracken. Wie verbreitet sind diese Tracker unter Sportlern?
Mir sind keine offiziellen Erhebungen bekannt, wir haben aber mal geschaut, wie die Nutzerzahlen bei den meistgenutzten Apps sind. Die sind schon in Millionenhöhe, es laden sich also viele Menschen solche Apps herunter und arbeiten damit. Wir haben bei einigen unserer Workshops mal eine Befragung durchgeführt, da kamen wir auch zu dem Ergebnis, dass zwischen einem Drittel und der Hälfte der Teilnehmer derartige Apps benutzen. Wie gesagt, wir haben das noch nicht hieb- und stichfest überprüft, aber wir sehen schon, dass es einen substanziellen Anteil an Menschen gibt, die Tracker nutzen.

Welchen Nutzen bringen Tracker?

Das ist sehr individuell. Grundsätzlich finde ich, Technologie sollte eine Information liefern, die ich brauche, die mir aber sonst nicht zur Verfügung steht. Das hängt natürlich von der Sportart und auch der Person selbst ab. Manche wollen ihre Herzfrequenz wissen, für andere spielt das keine Rolle. Die Frage ist also immer, welche Parameter liefern mir Informationen, die für mich und meine persönliche Entwicklung wichtig sind? Ich rate aber dazu, genau darüber nachzudenken, was wichtig ist. Beim Klettern kann ich beispielsweise meine Griffkraft messen, die ist sicherlich wichtig, aber eben nicht der einzige Faktor, der entscheidend ist. Außerdem sollten Tracker idealerweise Informationen liefern, für die ich selbst kein Gefühl habe. Unsere Atmung können wir etwa gut wahrnehmen, die Herzfrequenz eher weniger. Technologie hat immer auch einen Novelty-Effekt. Am Anfang ist das also erstmal spannend und motiviert, aber diese Effekte verlieren sich schnell. 

„Technik ist immer von zwei Seiten zu sehen: Sie unterstützt, aber sie macht auch abhängig.”

Insgesamt denke ich aber schon, dass Tracker für bestimmte Personen interessant sind. Vielen Menschen ist ja der soziale Aspekt im Sport wichtig, da ist mit Trackern und dem Vergleich auf Social Media natürlich ein neuer Bereich dazugekommen. Andererseits bewerten vor allem intrinsisch motivierte Menschen die Funktionen oft sogar als störend. Klar, die machen den Sport, weil ihnen die Bewegung Spaß macht, die sind nicht so an allen kleinsten Details interessiert, denen ist wichtiger, dass sie den Sport ausüben können. Aber den eigenen Fortschritt beim Sport zu sehen, kann schon motivieren. Da sind dann vor allem die Punkte interessant, wegen denen die Tätigkeit begonnen wurde. Wenn ich mit dem Laufen anfange, weil ich meine Ausdauer verbessern will, dann ist das natürlich der Punkt, der mich interessiert. Das dann grafisch dargestellt zu bekommen, kann motivierend wirken. Das kam auch bei unseren Befragungen raus, die Dokumentation und die Aufbereitung der Daten ist wichtig. Außerdem gefällt vielen der Vergleich mit der sozialen Peergroup, also zu sehen, wie sie im Vergleich mit Gleichaltrigen abschneiden. Dabei spielt die Interpretation der Daten eine wichtige Rolle. Manche Faktoren, wie etwa Größe oder Genetik, lassen sich nicht beeinflussen, das kann für manche frustrierend sein, andere kommen damit gut klar. Dann gibt es natürlich Gründe, die ich beeinflussen kann, etwa, wenn ich merke, dass ich einfach nicht genug trainiert habe. Das kann sehr motivierend wirken, vor allem, wenn ich aus den Daten auch noch herauslesen kann, worauf ich beim Training achten muss, also in welchen Bereichen ich mich verbessern sollte. Ich muss zugeben, ich selbst bin eher der Skeptiker, war ich aber schon immer. Mir macht Sport und Bewegung Spaß, vor allem in der Natur und ich merke ja, wie mein Körper reagiert und wie es mir geht. Daher verwende ich Technik ganz sparsam. Das ist auch meine Mission in der Forschung, zu schauen, welche Defizite wirklich durch Technologie beseitigt werden können und wo sie unnötig ist. Denn Technik ist immer von zwei Seiten zu sehen: Sie unterstützt, aber sie macht auch abhängig.

Woran merke ich, ob ich abhängig von der Technik bin?

Dafür sollten wir uns zunächst fragen, was wir von der Technik erwarten und ob dieses Ziel damit erreicht wird. Nehmen wir mal als Beispiel Videoaufzeichnungen. Wenn ich diese verwende, um mich zu verbessern, spricht da erstmal nichts dagegen. Stelle ich aber fest, dass ich darauf angewiesen bin, weil ich ohne Aufzeichnung gar nicht mehr merke, welche Bewegungen ich ausgeführt oder falsch gemacht habe, dann bin ich abhängig geworden, weil ich ohne Technik nicht mehr vorankomme. Dann wird es problematisch, denn dann kann ich mich nicht mehr eigenständig verbessern. Bevor ich mir die Videoaufzeichnung anschaue, sollte ich also erstmal darüber nachdenken, was ich selbst wahrgenommen habe. Was war gut, was lief eher schlecht? Mit diesen Überlegungen kann ich dann an das Video herangehen und überprüfen, ob ich das richtig eingeschätzt habe.

Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit Serious Games. Was genau ist das?

Serious Games haben das Ziel, ernsthafte Inhalte zu vermitteln, ohne den Spielcharakter zu verlieren. Idealerweise sind es Spiele, die Spaß machen und Informationen zu wichtigen Themen vermitteln oder die Neugierde zu einem Thema wecken. Es geht aber nicht nur um die Vermittlung von Informationen, sondern vor allem um die erfolgreiche Realisierung von Lern- und Trainingsprozessen. Das ist ein hoher Anspruch, beides gleichzeitig zu erreichen. Wenn diese Spiele gut gemacht sind, können sie in jedem Bereich eingesetzt werden. Vor allem im klinischen Bereich sehe ich da immer wieder viel Nutzen. Es gibt etwa Patienten, die nach einem Schlaganfall keine Lust auf Bewegung haben, die wir über Serious Games erreichen können. In einem anderen Fall wurde krebskranken Kindern mit dem Spiel Re-Mission, einem Shooter, gezeigt, wie sich Krebs bekämpfen lässt. In dem Spiel werden verschiedene Therapien gezeigt und der Protagonist kämpft je nach Therapie mit unterschiedlichen Waffen gegen die Krebszellen. Das Ergebnis war, dass die Kinder viel über Krebs gelernt haben und auch motivierter sind, diesen zu bekämpfen. Im Sportbereich sehe ich noch Defizite, da gibt es aktuell noch nicht viele Anwendungen, hier wird eher auf Gamification gesetzt, wie etwa Trainingsgeräte beim Krafttraining, bei denen die Sportler Münzen sammeln, indem sie die richtigen Bewegungen ausführen. Das macht Spaß und kann motivierend wirken, erfüllt aber nicht die Ansprüche eines Serious Games. Diese erhalten ein offizielles Gütesiegel, wenn sie die Anforderungen erfüllen. Wenn ich wissen will, wie gut das Spiel ist, lohnt sich zusätzlich der Blick auf die Firma, die das Spiel anbietet. Kooperiert diese mit der Sportwissenschaft oder untermauert das Spiel mit wissenschaftlichen Fakten? Gibt es Evaluationsstudien zu dem Spiel? Insgesamt sehe ich im Sport viel Potenzial für Serious Games, das erfordert aber natürlich immer finanzielle und personelle Ressourcen.

Wie wird sich Training zukünftig verändern?

Ich glaube, es wird immer mehrere Gruppen geben. Ich könnte mir vorstellen, dass eine Gruppe entsteht, die auf Technik schwört, eine die Technik je nach Bedarf verwenden und eine, die authentisch und ohne Technik trainieren will. Aktuell sehe ich, dass der Markt für autonomes Training wächst, die Überwachung und korrekte Ausführung von Bewegungen ist ein großes Thema. Aber trotzdem denke ich, dass eher diejenigen mit Technik arbeiten werden, die das Geld und die entsprechende Motivation haben und das ist meiner Erfahrung nach der geringere Anteil. Der Großteil sieht das authentische Training mit anderen Menschen als motivierend, insofern wird es vermutlich eine Vielfalt an Anwendungsfällen geben.

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