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Bouldern: Einblicke und Herausforderungen im Routenbau

Julian Henz bouldert seit seiner Jugend, während seines Studiums hat er angefangen, mit dem Routenbau Geld zu verdienen. Mit Freunden hat er Get High Routesetting GmbH gegründet, eine Firma, die sich auf Routenbau spezialisiert. An der Deutschen Sporthochschule Köln forscht der 31-Jährige als externer Doktorand zum Routenbau im Bouldern. Seiner Ansicht nach ist es schwierig, beim Bouldern standardisierte Schwierigkeitsgrade festzulegen, da jeder Mensch unterschiedliche Stärken und Schwächen hat und die Wahrnehmung der Schwierigkeitsgrade dementsprechend unterschiedlich ausfällt.

Ein Gastbeitrag von Philipp Ebnet

Für deine Promotion beschäftigst du dich intensiv mit dem Thema Routenbau. Was genau untersuchst du und was konntest du bisher feststellen?

Zurzeit gibt es noch keine empirischen Studien darüber, welche Faktoren beim Routenbau relevant sind. Dies führt dazu, dass Routenbauer:innen die unterschiedlichen Boulder anhand ihres Erfahrungsschatzes gestalten. Daraus resultiert, dass verschiedene Persönlichkeiten unterschiedliche Faktoren im Routenbau für wichtig erachten. Insbesondere gibt es aktuell noch keine empirischen Untersuchungen, welche Faktoren für Boulder:innen bei der Routenauswahl wirklich eine Rolle spielen. Also wie sehr etwa Schwierigkeitsgrad oder Optik die Athleten:innen in ihrer Wahl und Bewertung einer Route beeinflussen. In meiner Promotion beschäftige ich mich deshalb genau mit diesem Thema, um eine empirische Grundlage für den Routenbau zu schaffen. Außerdem untersuche ich, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten Routenbauer:innen mitbringen müssen, um gute Boulder zu schrauben. Von meinen geplanten vier Studien habe ich zwei fertiggestellt und bei wissenschaftlichen Fachzeitschriften eingereicht. Die Befunde der ersten Studie zeigen auf, dass Sicherheitsaspekte, der Schwierigkeitsgrad, die Wandneigung, die Optik sowie die Bewegungsvielfalt eine wichtige Rolle bei der Routenauswahl spielen. Außerdem legen Anfänger:innen viel Wert auf Sicherheitsaspekte und den Schwierigkeitsgrad, erfahrene Bouldernde achten eher auf die Optik und Bewegungsvielfalt. Interessant ist auch, dass der Parkour-Stil mit vielen Sprüngen und koordinativen Ganzkörperbewegungen hauptsächlich bei Elite-Athleten:innen Anklang findet. Hobbysportler:innen bevorzugen klassische Routen mit traditionelleren Kletterbewegungen. Trotzdem ist der Parkour-Stil in vielen Hallen und auf Wettkämpfen aktuell sehr präsent. Meine zweite Studie, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten professionelle Routenbauer:innen charakterisieren, kam zu dem Ergebnis, dass neben den motorischen Fertigkeiten die Kognition und die Fähigkeit Boulder zu lesen essentiell für Routenbauer:innen sind. Klar, wenn jemand einen Boulder oder bestimmte Bewegungen im Kopf hat, muss man wissen, wie diese an der Wand abgebildet werden kann. In meinen weiteren Studien möchte ich diesen Aspekt gerne vertiefend untersuchen.

Du selbst schraubst seit mehr als zehn Jahren Routen. Wie sieht die Ausbildung im Routenbau aus?

Es gibt keine klassische Ausbildung über mehrere Jahre wie etwa im Handwerk. Einige Vereine wie der Deutsche Alpenverein (DAV) oder Privatpersonen bieten Lehrgänge oder Wochenendkurse an. In dieser kurzen Zeit kann aber nur begrenztes Wissen vermittelt werden. Das ist auch ein Punkt in meiner Promotion. Wünschenswert wäre es natürlich, eine inhaltliche Basis für eine kriteriengeleitete Ausbildung zu schaffen. Trotzdem würde ich sagen, Routenbauer:innen sammeln die meiste Erfahrung über das Ausprobieren. Jede Halle hat normalerweise eine:n Chefroutenbauer:in, da können Interessierte anfragen, ob sie Tipps bekommen oder ein Praktikum machen dürfen. Das ist im Normalfall unbezahlt, bis die Leute so gut werden, dass die Halle einen wirtschaftlichen Nutzen daraus ziehen kann. Wenn man sich einen Namen gemacht hat, fragt man bei den verschiedenen Hallen an. Neben der Möglichkeit, bei einer Halle angestellt zu sein, arbeiten auch einige Routenbauer:innen auf selbstständiger Basis und schrauben in vielen unterschiedlichen Hallen.

Welche Standards müssen Routen bei Wettbewerben erfüllen?

Der einzige Standard, den ich kenne, ist die Wandhöhe, die beim Bouldern 4,50 Meter beträgt. Außerdem müssen Sicherheitsaspekte bei der Anbringung der Griffe beachtet werden. Alles andere ist den Chefschrauber:innen überlassen. Die Bewegungen beim Bouldern lassen sich grob in verschiedene Grundstile einteilen: den athletischen Stil mit dynamischen und kraftvollen Kletterbewegungen, bei denen die Kraft des Oberkörpers ausschlaggebend ist; den Parkour-Stil mit dynamischen Lauf-, Sprung- und schwingenden Ganzkörperbewegungen; den trickreichen Stil mit langsamen und balancierenden Kletterbewegungen; und den Fingerkraft-Stil mit kontrollierten Kletterbewegungen, die maximale Fingerkraft erfordern. Die Athleten:innen beobachten natürlich die Trends im World Cup und bereiten sich entsprechend vor. Im Moment sind Parkourboulder vorherrschend, unter anderem weil dies spektakulärer für das Publikum ist. Hier zeigt sich aber auch das Problem der fehlenden Standards: Theoretisch könnten die Chefschrauber:innen in einem Wettkampf nur Boulder planen, die vorteilhaft für eine:n Athleten:in oder eine Nation sind und somit das Ergebnis beeinflussen. Meiner Meinung nach sollten die verschiedenen Stile im Wettkampfklettern ausgewogen abgefragt werden. Dies würde auch ein transparenteres Training für die Athleten:innen ermöglichen.

Wie vergleichbar sind die Schwierigkeitsgrade in unterschiedlichen Hallen?

Eigentlich überhaupt nicht, weil jede Halle ihre Schwierigkeitsgrade meist über farbliche Skalen selbst festlegt. Dadurch gibt es sehr viele Unterschiede zwischen den Hallen, vor allem in verschiedenen Regionen. Die meisten Hallen orientieren sich dabei an der FB-Skala, die im französischen Bouldergebiet Fontainebleau entstanden ist. Von da aus hat sich diese Bewertungsskala verbreitet, vor allem in Europa werden nahezu alle Boulder im Outdoorbereich danach bewertet. Dazu kommen weitere Skalen, wie etwa die V-Skala, die in Amerika für die Bewertung von Bouldern verwendet wird. Allerdings gibt es selbst innerhalb dieser Skala große Unterschiede. In den Alpen sind die Bewertungen teilweise anders als in Fontainebleau selbst, da sich die Felsarten und somit auch die Stile stark unterscheiden. So hat man beispielsweise in den Alpen überwiegend Leisten, also Kanten, als Griffe, während in Fontainebleau Sloper, also offene abgerundete Griffe, dominieren. Das bedeutet, dass beispielsweise Menschen in Fontainebleau eine andere Vorstellung von der Skala und den Schwierigkeitsgraden haben, als Menschen, die regelmäßig in den Alpen bouldern. Die Skala der International Rock Climbing Research Association fasst die unterschiedlichen Skalen in einem Wert zusammen, ist aber im Breitensport kaum bekannt.

Wenn es so schwer ist, hier einen Vergleich zu finden, wie legst du dann die Schwierigkeitsgrade fest, wenn du selbst eine Route schraubst?

In den Hallen, in denen ich oft bin, kenne ich die Bewertungskriterien natürlich und orientiere mich daran. Wenn ich als Schrauber in eine neue Halle komme, dann klettere ich erstmal einige Routen, um ein Gefühl für die dortigen Schwierigkeitsgrade zu bekommen. Außerdem tausche ich mich natürlich immer mit den anderen Routenbauer:innen aus. Ich persönlich variiere den Schwierigkeitsgrad am liebsten über motorische Fähigkeiten. Dazu kommen weitere Faktoren wie etwa die Griffart und -größe, Wandneigung und technisch-koordinative Anforderungen. Klar, wenn ich einen Überhang mit kleinen Leisten schraube, weiß ich schon, dass das kein leichter Schwierigkeitsgrad sein kann. Wenn ich hingegen eine gerade Wand mit großen Henkeln schraube, ist das alleine von den Rahmenbedingungen her schon ein leichterer Schwierigkeitsgrad.

Wie ließe sich der Schwierigkeitsgrad standardisieren?

Das ist eine unglaubliche Herausforderung. Erstmal müsste definiert werden, welche Aspekte in die Bewertung einfließen. Man müsste also klare Grundannahmen festlegen, die in die Bewertung des Schwierigkeitsgrades mit einfließen, mit denen alle Bewertenden einverstanden sind. Bei der FB-Skala ist es so, dass eigentlich nur die Anforderungen der motorischen Fähigkeiten, also Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit, Beweglichkeit und Koordination, in den Schwierigkeitsgrad einbezogen werden. Technische Komponenten, wie etwa die Fußtechnik, werden hier eher zweitrangig berücksichtigt. Deshalb sind Bouldernde, die zum ersten Mal nach Fontainebleau fahren, oft überrascht, wenn sie leicht bewertete Boulder nicht schaffen, bei denen überwiegend die Fußtechnik entscheidend ist. Je größer die Community wird, desto weniger Leute wissen das und bewerten anders, das führt dann zu Unterschieden und Chaos in den Bewertungen. Das lässt sich gut bei Bouldern in Fontainebleau beobachten. Dort entstand die weltweit erste 7a, damals war das der höchste Schwierigkeitsgrad. In manchen Sektoren sind dort alte und neue Routen nahe beieinander. Da kann es dann sein, dass eine 7a von früher nahezu unmöglich wirkt und eine neue 7a leicht machbar ist. Das zeigt, dass selbst innerhalb einer Region die Schwierigkeitsgrade komplett unterschiedlich sein können. Dazu kommt, dass eine Bewertung auch immer subjektiv ist. Wenn ich Leisten mag, fällt mir eine 7a, die aus Leisten besteht, natürlich leichter als eine 7a mit Slopern. Insofern ist der erste Schritt für ein sinnvolles Bewertungssystem zunächst einmal, gute Grundannahmen zu definieren, die auch allen Bewertenden bekannt sein müssen. Zusätzlich müssen die Vorschläge für die Bewertung unter Berücksichtigung des persönlichen Fitnesszustands gemacht werden. Die RIC-Scale, also Risk, Intensity, Complexity, wird von Routenbauer:innen teilweise verwendet und beinhaltet drei Bewertungsdimensionen. Meiner Meinung nach ist die Skala ein guter Ansatz, da dort die Grundannahmen klar definiert sind. Hinsichtlich der Bewertungen von Bouldern im Indoor-Bereich wäre es sinnvoll, ähnlich wie im Outdoor-Bereich einen Mittelwert zu bilden, etwa aus den Bewertungen aller Begeher:innen. Hallen könnten somit auch das Publikum abstimmen lassen, beispielsweise mit QR-Codes an den Routen, und so die Schwierigkeitsgrade festlegen.

Wie wird Technologie den Routenbau verändern?

Ich denke, vor allem beim Leadklettern im kommerziellen Bereich wird Technologie einen großen Einfluss haben. In diesem Bereich bestehen die Routen meistens aus relativ einfachen Grifffolgen, die Anforderungen in den Routen variieren tendenziell eher in der Griffgröße oder der Wandneigung. Da könnte KI vielleicht beim Entwurf der Routen helfen. Aber auch beim Bouldern muss die KI eigentlich nur wissen, welche Abstände nötig sind, um eine bestimmte Bewegung zu erzielen. Es gab dazu sogar auch schon eine Studie, bei der die KI gut abgeschnitten hat. Je komplexer die Bewegung, desto eher braucht es aber Menschen, die dies einschätzen können. Komplett automatisieren lässt sich der Routenbau vor allem im Wettkampfbereich aber nicht, glaube ich. Dafür gibt es einfach zu viele verschiedene Faktoren. Das fängt beim verwendeten Schwierigkeitsgrad an und geht weiter über die Zielgruppe und deren Erwartungen und Fähigkeiten. Das können Menschen zumindest zum aktuellen Zeitpunkt noch schneller und besser einschätzen.

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