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„Das Spannende an unserem Sport ist die Vielfalt!”

Die Beliebtheit von Sportklettern steigt. Zuletzt wurde die Sportart durch die Aufnahme in die olympischen Spiele einem breiteren Publikum bekannt. In vielen Sportarten sind Tracking und Analyse verschiedener Parameter zur Leistungssteigerung inzwischen Alltag. Im Sportklettern sehen Experten die Anwendungsbereiche dieser Technologie allerdings nur im Einzelfall, für Amateure sind andere Faktoren wichtiger.

Ein Gastbeitrag von Philipp Ebnet

Jochen Scherer schaut nach oben und seufzt frustriert. Der dunkle Fels vor ihm erstreckt sich ungefähr 15 Meter in die Höhe, Probleme bereiten ihm vor allem die letzten Meter. Seit knapp drei Wochen kommt er regelmäßig an die Neidstallwand in der Nähe von Etzelwang im Landkreis Amberg-Sulzbach. Scherer versucht hier immer wieder, den „Stallmeister” zu bezwingen, eine Kletterroute im 7. Grad auf der UIAA-Skala. Bisher will es ihm einfach nicht gelingen. Diesmal will er etwas Neues ausprobieren. Ein Freund hat ihm erzählt, dass er sich beim Laufen immens verbessert hat, seit er seinen Puls via Smartwatch trackt. Scherer hat vor, herauszufinden, ob das auch beim Klettern funktioniert. Mit der Uhr am Arm klettert er los, auch wenn er seine Zweifel hat.

Diese Skepsis teilt Peter Wolf. „Für die Forschung lässt sich sehr viel tracken, aber inwiefern sich diese Daten wirklich eignen, um bessere Leistungen zu erzielen, ist fragwürdig.” Wolf richtet regelmäßig den International Rock Climbing Research Congress aus, bei dem sich die Kletterszene zu den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in ihrem Lieblingssport austauschtEr begeistert sich beruflich und privat für den Klettersport. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er mit einem Sport- und Maschinenbaustudium in Chemnitz, später führte ihn sein Weg an die ETH Zürich. Dort beschäftigte er sich im Rahmen seiner Promotion mit Fußknochen, besonders interessierte er sich für die detaillierten Bewegungen der Zehen. Seiner Ansicht nach gibt es einen großen Unterschied zwischen theoretisch erhebbaren und praktisch tatsächlich nützlichen Daten. „Ich weiß doch, ob ich mich gut fühle oder gut geschlafen habe, da brauche ich keine Smartwatch, die mir das sagt”, verdeutlicht er. Ein großes Problem beim Tracking von Daten im Klettersport sieht er in der Interpretation der Daten. Die Leistung im Klettern hänge von so vielen verschiedenen Faktoren ab, dass es schwierig sei, zu erkennen, welche Daten wirklichen Mehrwert böten. „Beim Klettern gibt es viele verschiedene Stile und individuelle Taktiken, wodurch ein Vergleich zwischen Sportlern eher schlecht möglich ist”, erläutert er. Hilfreich seien die Daten, wenn Trainer:innen und Kletter:innen genau wüssten, welche Daten sie warum erheben, aber auch dann könne nur die individuelle Entwicklung betrachtet werden, für einen Vergleich mit anderen Athlet:innen sei der Klettersport zu vielfältig. Wichtig sei außerdem, dass die Tracker minimalinvasiv seien, also beim Sport nicht stören.

Wie sehr eine Uhr am Handgelenk beim Klettern stören kann, merkt auch Scherer. Wenige Meter vor dem Ende bleibt er mit dem Armband an einem hervorstehenden Stück Fels hängen und rutscht ab. Frustriert seilt er sich ab und bricht den Kletterausflug für heute ab. Insgesamt kam er weiter als bei den vorherigen Versuchen, mit der Uhr hat das für den 37-Jährigen aber nichts zu tun. „Ich habe eher das Gefühl, dass meine Fingerkraft besser geworden ist, ich aber für die kleinen Griffe hier noch mehr brauche”, sagt er. Sein neuer Plan lautet daher, seine Fingerkraft zu trainieren.

Wichtig sind motorische, technische und mentale Fähigkeiten

Eine Gruppe Forschender der Hochschule Westnorwegen veröffentlichte 2022, dass gezieltes Training der Kraft, vor allem im Oberkörper und den Fingern, die Leistung beim Klettern verbessern kann. Ein Team der Georg-August-Universität Göttingen stellte 2019 außerdem fest, dass natürlich auch andere Faktoren eine wichtige Rolle spielen, sich aber mit bewusstem Training die beim Klettern anwendbare Kraft steigern lässt.

Jerry Medernach kennt die Studien zum Thema Tracking im Klettersport, sieht sie aber skeptisch. „Das Problem bei vielen Studien ist, dass sie nicht aussagekräftig sind, weil sie nur bestimmte Situationen betrachten. Oft werden beispielsweise relativ leichte Routen und eher mäßig erfahrene Athleten untersucht. Das entspricht aber natürlich nicht der Realität,” erläutert er. Medernach hat bereits in seiner Kindheit die Liebe zum Klettern entdeckt. Aufgewachsen in Luxemburg, sammelte er zusammen mit seinem Bruder erste Klettererfahrung an den Felsen in Berdorf. Sein Weg führte ihn an die Deutsche Sporthochschule Köln, dort erforschte er das Thema Klettern aus wissenschaftlicher Sicht. Beim Deutschen Alpenverein (DAV) war er Teil des Kletterkaders NRW. Aktuell arbeitet der promovierte Sportwissenschaftler am Institut national de l’activité physique et des sports (INAPS) in Luxemburg und bildet dort Lehrer:innen, Trainer:innen und Athlet:innen aus, wobei er sich vor allem mit den Bereichen Kognition und Sportpsychologie beschäftigt. „Es gibt beim Klettern ja nicht die eine beste Lösung”, führt Medernach aus, „wer hochkommt hat Recht, so einfach ist das.” Die Schwierigkeit sieht er, wie Peter Wolf, in den vielen Faktoren, die beim Klettern eine wichtige Rolle spielen. „Wichtig sind technisch-motorische und kognitive Fähigkeiten”, sagt Medernach. Neben Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit müssten Sportler:innen wissen, welche Bewegungen beim Klettern hilfreich sind und diese auch ausführen können. Außerdem sei gerade bei Anfänger:innen die Sturzangst ein wichtiger Faktor, dazu komme die Fähigkeit, eine Route zu lesen, also bereits vom Boden aus zu erkennen, welche Bewegungen an der Wand benötigt werden. Diese Vielfalt der Faktoren mache es schwierig, aus erhobenen Daten nützliche Informationen zu ziehen. „Die Frage ist immer, was bringt mir das, wenn ich diese Daten kenne, wie sehr verbessere ich mich dadurch wirklich? Wichtiger als etwa spezifisches Krafttraining ist es, vor allem für Anfänger, die Bewegungsmuster zu erlernen”, betont Medernach und fügt hinzu, dass die fehlende Vergleichbarkeit der Fähigkeiten nicht negativ sei. „Ganz im Gegenteil, das Spannende an unserem Sport ist ja die Vielfalt!”

Klettern für die Psyche

Die Sonnenstunden werden weniger, die Bäume werfen ihre Blätter ab. Der Oktober geht langsam zu Ende, draußen wird es kälter. Viel Zeit bleibt Scherer nicht mehr, um die Route noch dieses Jahr zu schaffen, denn bei Kälte schmerzen seine Finger am Fels zu sehr. In der kalten Jahreszeit weicht er deswegen in die Boulderhalle aus, so wie heute. Er schließt die Klettverschlüsse seiner Schuhe, dann läuft er durch die Halle und beäugt die verschiedenen Routen. Im Gegensatz zum Sportklettern muss er beim Bouldern keinen Sicherheitsgurt anziehen oder sich mit einem Seil einbinden. Das spart Zeit, deswegen probiert er neue Bewegungen am liebsten in der Halle an möglichst vielen unterschiedlichen Routen.

In der Boulderhalle kann Scherer viele verschiedene Bewegungen üben. Credits: Anna Senf

Bevor Scherer Hand an die Bouldergriffe legt, wärmt er sich mit Dehnübungen auf. Angefangen mit Bouldern hat er vor zwei Jahren, auf Empfehlung seiner Ärztin. „Ich hatte damals häufig Rückenschmerzen und meine Ärztin sagte, ich solle dringend mehr Sport machen”, erzählt Scherer. Mit diesem Leiden ist er nicht alleine. Eine Stichprobe des Robert Koch-Instituts zwischen Oktober 2019 und März 2020 ergab, dass 61,3% der deutschen Bevölkerung in den letzten 12 Monaten an Rückenschmerzen litt. Dadurch entstehen auch hohe volkswirtschaftliche Kosten. Im Gesundheitsatlas der AOK werden die durch Rückenschmerzen entstandenen Produktionsausfallkosten mit 12,4 Mrd. € im Jahr beziffert.

Nachdem Scherer verschiedene Sportarten ausprobierte, um seine Schmerzen zu lindern, sei er beim Klettern hängen geblieben. Laut dem Sportwissenschaftler Marcel Dittrich eine passende Wahl, denn Klettern eignet sich gut als therapeutische Maßnahme bei Rückenschmerzen. Neben den körperlichen Vorteilen stellten Forschende außerdem fest, dass Bouldern und Klettern sich positiv auf die mentale Gesundheit auswirkt.

Insgesamt ist Scherer mit seinem Hallenbesuch zufrieden. Er hat viele Routen geschafft und Bewegungen ausprobiert. „Tatsächlich habe ich heute einige Züge geschafft, die mir sonst echt schwer fallen, ich habe heute einen winzigen Leistengriff halten können”, erzählt Scherer voller Freude. Unabhängig von seiner Leistung merkt er, wie gut ihm die körperliche Aktivität tut. Die positiven Auswirkungen körperlicher Aktivität auf die Psyche sind in der Forschung schon lange bekannt, bereits 2012 erschien im Bundesgesundheitsblatt eine Zusammenfassung der wichtigsten Vorteile. Demnach kann körperliches Training bei Depressionen ähnlich wirksam sein wie eine medikamentöse Behandlung. Forschende der Charité Berlin geben an, dass jede Bewegungseinheit hilfreich sei und sogar kurze Spaziergänge die Stimmung kurzfristig verbessern können. Die WHO gibt sogar an, dass 3,5 Millionen Fälle von Depressionen in Europa bis 2050 vermeidbar wären, wenn die Bevölkerung mehr Sport treibt. Ein großes Hindernis für Scherer beim Klettern ist außerdem seine Angst, zu stürzen.

Beide Erfahrungen sind für Bettina Barisch-Fritz nicht überraschend. Die promovierte Sportwissenschaftlerin ist akademische Mitarbeiterin am Institut für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) des Karlsruher Instituts für Technologie im Arbeitsbereich Sozial- und Gesundheitswissenschaften des Sports. Sie klettert selbst seit dem Studium und hat seit über 15 Jahren einen Trainerschein, unterrichtet am IfSS das Wahlfach Klettern und engagiert sich beim DAV in Kletterkursen für Menschen jeden Alters. „Unter Angst kann ich nicht an meine Leistungsgrenze gehen und das Lernen, sei es motorisch oder kognitiv, läuft auch nicht optimal ab”, sagt sie. Allgemein hätten Wahrnehmung und Tagesform einen starken Einfluss auf die Leistung. Gegen die Sturzangst empfiehlt sie gezieltes Falltraining. An manchen Tagen könne es außerdem vorkommen, dass Personen völlig in der aktuellen Tätigkeit aufgehen, ohne andere Gedanken und Gefühle zu haben. „Diesen mentalen Zustand bezeichnen wir als Flow-Erlebnis”, verdeutlicht Barisch-Fritz, „in dem wir uns in absoluter Konzentration und Versunkenheit befinden und uns trotz sportlicher Anstrengung leicht fühlen und Freude empfinden.” Am besten lasse sich dieser Zustand erreichen, indem ein klares Ziel definiert und die Balance zwischen den Anforderungen der Tätigkeit und den eigenen Fähigkeiten berücksichtigt werde.

Das Publikum hat wenig Interesse an Technik

Axel Niermann ist Betriebsleiter der Boulderhalle Steinbock Nürnberg und hört von seinen Kunden oft von diesem Flow-Erlebnis. Sein heutiger Tag läuft allerdings nicht wie geplant. Eine Kundin ist beim Bouldern gestürzt und hat sich den Fuß verletzt. Die Sanitäter sind schon vor Ort und bringen die junge Frau auf einer Trage in den Rettungswagen; Niermann trägt den Rettungskräften die Schuhe und Tasche der Frau hinterher und legt sie mit in den Wagen, damit die Verletzte später nichts vermisst. Verletzungsrisiko, wie bei jeder anderen Sportart auch, ist Teil des Hobbys. „Das sind aber Ausnahmesituationen”, sagt Niermann. Der 35-Jährige hat bereits überlegt, ob und wie die Halle Technik in ihre Ausstattung integrieren könnte. „Im Endeffekt ist das einzig sinnvolle aber das Kilterboard, das mittlerweile fast jede Halle hat”, sagt Niermann. Beim Kilterboard handelt es sich um ein standardisiertes Trainingsboard, an dem Nutzer:innen eigene Boulder erstellen oder über eine App auf eine Datenbank mit über 50.000 Bouldern zugreifen können. Bei jeder Route leuchten die zu verwendenden Griffe in unterschiedlichen Farben und zeigen so an, ob es sich um Griffe oder Tritte handelt. Im Steinbock Nürnberg steht seit der Eröffnung 2020 ein Kilterboard und wird vom Publikum viel genutzt. Den Nutzen komplexerer Technik sieht er als Hallenbetreiber derzeit aber noch nicht. „Klar haben wir auch schon überlegt, ob wir so Sachen wie Fingerboards mit Sensoren zur Kraftmessung anbringen sollen, aber die sind noch zu teuer”, sagt er. Außerdem habe er die Erfahrung gemacht, dass die meisten Kund:innen gar kein Interesse an diesen oder ähnlichen Daten haben.

Betriebsleiter Axel Niermann sieht keinen breiten Einsatzzweck von Technik. Credit: Philipp Ebnet

„In der Boulderhalle geht es auch darum, das Handy wegzulegen und auf Technik zu verzichten. Ganz nach dem Motto ‘Ich gegen die Schwerkraft’, da zählt also nur der eigene Körper und die ausgewählte Route”, fügt er hinzu. Außerdem sieht er, ähnlich wie Peter Wolf und Jerry Medernach, das Problem, dass die anfallenden Daten nicht aussagekräftig genug seien. „Klettern ist einfach sehr individuell, da ist es schwer, diese Daten sinnvoll auszuwerten. Es geht um das Zusammenspiel aus Technik und motorischen Fähigkeiten, aber jede Route lässt sich auf viele Arten bewältigen”, sagt er. Deswegen spricht auch er die Empfehlung aus, ebenfalls die mentalen Aspekte, wie das Lesen einer Route, zu trainieren.

„Das zu lernen ist ein langer Prozess”, sagt Barisch-Fritz „wichtig dafür ist es, anderen genau beim Klettern zuzuschauen.” Gerade die Boulderhalle sei dafür ein geeigneter Ort, weil es dort leicht sei, sich mit anderen Sportler:innen auszutauschen. „Zum Routenlesen gehört das Wissen, wie ich in einer Route starte ebenso wie die richtigen Bewegungen in der Schlüsselstelle zu erkennen”, erklärt sie. Das lasse sich in einer Gruppe gut besprechen.

Laut Wetterbericht sind es die letzten warmen Tage des Jahres. Jochen Scherer hat sich gegen einen Kraftmesser oder andere Tracker entschieden. Er hat sich stattdessen nochmals verschiedene Technikvideos angesehen und bei seinem letzten Besuch in der Halle genau auf seine Bewegungen geachtet. Jetzt steht er wieder an der Neidstallwand und und blickt am „Stallmeister” nach oben. Bevor er loslegt, geht er die Route Zug für Zug in seinem Kopf durch. „Im letzten Abschnitt habe ich immer das Problem, dass ich keinen vernünftigen Tritt für meinen rechten Fuß finde”, erinnert er sich an seine letzten Versuche, „aber ich glaube, ich kann den Fuß auch einfach in die Wand stellen.” Mit dieser Überlegung klettert er los, an der Schlüsselstelle richtet er den Körper diesmal nicht frontal zur Wand aus, sondern dreht sich seitwärts, bringt die Hüfte möglichst nahe an die Wand. Sein linker Fuß steht sicher, den rechten lässt er nah an der Wand in der Luft hängen, um ein Gegengewicht zu erzeugen. Auf diese Art kann er sich halten und erreicht mit seiner rechten Hand den letzten Griff. Er stößt einen Freudenschrei aus, dann seilt seine Freundin ihn ab. Scherer ist glücklich und nimmt sich vor, zukünftig möglichst viele verschiedene Bewegungstechniken zu erlernen.

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